
Gibt es für jedes Buch den passenden Ort, um es zu lesen? Ich denke, Kathrin Weßlings Drüberleben passt sehr gut zu psychiatrischen oder psychosomatischen Kliniken. Das erste Mal las ich das Buch Anfang 2015, kurz nachdem ich vier Monate in einer solchen verbracht habe. Als nun zum zweiten Mal ein Aufenthalt anstand, las ich das Buch nocheinmal, dabei entstand auch das Foto oben. Ist es sinnvoll, darüber öffentlich im Internet zu schreiben? Hm. Aber Stigmata werden immer Stigmata bleiben, wenn niemand darüber redet. Kathrin Weßling argumentiert so auch in einem lesenswerten Artikel für Zeit Online:
Eine Welt, in der alle Menschen stets nur die Powerpoint-Präsentation ihres eigenen geilen Lebens sind, ist noch gruseliger.
(Kathrin Weßling)
Die 24-jährige Ida begibt sich auch nicht zum ersten Mal in eine psychiatrische Klinik. Nach schwieriger Schulzeit und dem Verlust ihrer besten Freundin schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch das Leben, dass sie, zumindest vor dem Klinikaufenthalt, viel aus ihrem Bett betrachtet.
Depression war nie tragbar, doch steht uns so gut
(Casper & Thees Uhlmann – XOXO)
Der Satz könnte direkt von Ida stammen, suhlt sie sich doch ziemlich in Selbstmitleid. Das ist bei Depressionen nichts ungewöhnliches, meistens merkt man es als Betroffener auch nicht und doch steht es der Genesung im Wege. Das schreibt sich in einem Blogbeitrag natürlich sehr leicht, so im Bett sitzend, aus dem ich die letzten zwei Tage kaum herausgekommen bin… Einen klaren Kopf zu bekommen ist so unbeschreiblich schwer.
Der Roman erzählt von den Tagen vor der Aufnahme, vom Alltag in der Klinik, und wirft einen Blick zurück, warum Ida so geworden ist, wie sie ist.
Kathrin Weßlings Schreibstil gefällt mir richtig gut und ihre Bilder und Vergleiche sind einfach treffend, wenn auch manchmal schmerzhaft treffend. Das Buch liefert einen guten, ungeschönten Blick auf das Thema Depression.
Abschließend noch ein wichtiger Hinweis: Bücher ersetzen auf keinen Fall eine Therapie. Wenn euch die Symptomatik bekannt vorkommt, sucht euch unbedingt professionelle Hilfe. Weitere Informationen zum Thema bekommt ihr auf den Seiten der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und in den einsichtsreichen Videos von garnichz, die mir in schlechten Zeiten gutgetan haben.
Einen Einblick in den Klinikalltag gibt es in den Videos von Die Frage:
Zu guter Letzt gibt es noch ein bisschen Musik von The War on Drugs, das auch textlich gut zu Depressionen passt:
Buchinformation
Kathrin Weßling, Drüberleben
ISBN: 978-3-442-15716-7
Goldmann
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