Dem Suhrkamp Verlag zum 75. Jubiläum
- 1. Juli 2025 -

Heute feiert der von mir sehr geschätzte Suhrkamp-Verlag seinen 75. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Diesen Beitrag wollte ich eigentlich schon zum 70. Jubiläum vor 5 Jahren veröffentlichen. Aber besser spät als nie 🙂 Und so habe ich den Beitrag nochmal gründlich aktualisiert.
Ich mag das Verlagsprogramm einfach sehr. Ob es die Klassiker sind, die lateinamerikanischen Autor:innen, allen voran der von mir so geschätzte Julio Cortázar, jüngere Autor:innen wie Dana Vowinckel, großartige Sachbücher… – allein im Frühjars- und Herbstprogramm von 2020 gab es über 30(!) Bücher die ich gerne lesen möchte – und naja, allzu viele habe ich davon immer noch nicht gelesen.
Auf dem Bild oben sind verschiedene Reihen zu sehen:
Die Bibliothek Suhrkamp wurde 1951 gestartet, ist also fast genauso alt wie der Verlag selbst, und erscheint seit 1959 in der grafischen Gestaltung von Willy Fleckhaus, erkennbar an dem durch einen Querstreifen getrennten Schutzumschlag. Dieser war früher leicht glänzend und variierte in der Farbe von Buch zu Buch, seit Anfang der Nullerjahre ist er aus schönem weißem, etwas empfindlichen Büttenpapier. Die Bücher im Bild haben alle das Format 18×12 cm, die meisten Neuerscheinungen heute sind aber etwas größer und haben eine dezente, einfarbige Illustration auf dem Cover (hier gibt es aber auch Ausnahmen).
Die edition suhrkamp gibt es seit 1963, auch in der Gestaltung von Willy Fleckhaus. Die Umschläge waren früher stets in einer Farbe des Regenbogens gehalten. Heute erscheinen nebenher noch Ausgaben, die außerhalb der Nummerierung laufen, im größeren Format und mit Illustration auf dem Cover (z.B. Die große Regression, Zygmunt Baumanns Die Angst vor den anderen oder die Bücher des Soziologen Steffen Mau).
In den ersten Jahren hatten die Bücher sogar noch einen Schutzumschlag, der Buchblock selbst hatte einen grauen broschierten Einband. Mit Band 355, der 1969 erschien, wurde diese Praxis aufgegeben. Aber hin und wieder erscheinen auch heute noch Bücher der Reihe mit Schutzumschlag, bspw. Rainald Goetz wrong letztes Jahr. Vor allem in den Nuller- und frühen Zehnerjahren wurde auch mit unterschiedlicher Typographie auf dem Cover experimentiert, mittlerweile wird aber nur noch die Garamond verwendet.
Ein suhrkamp taschenbuch wissenschaft, eine seit 1973 existierende Reihe, hat es auch in das Bild geschafft – vom Sozialphilosophen Axel Honneth – mehr hatte ich noch nicht, als ich 2020 das Foto im Header aufnahm. Dort erschienen bspw. auch Bücher von Joseph Weizenbaum, einem Pionier der Forschung zur Künstlichen Intelligenz. Auch Lutz Raphaels Buch über die Geschichte der Deindustralisierung in Westeuropa oder Schreiben von Carolin Amlinger möchte ich unbedingt noch lesen.

Dazu folgen noch Bücher aus zwei Reihen, die es nicht mehr gibt:
Zunächst zwei Bücher aus einem der Weißen Programme, von denen es mehrere gab: im Frühjar 1983, der Verlag war 33 Jahre alt, verzichtete man weitgehend auf Neuerscheinungen und veröffentlichte 33 – für jedes Jahr einen – Romane noch einmal, mit weißem Schutzumschlag und in Leinen gebunden. 1987 erschien das Weiße Programm im Jahrhundert der Frau, neben den auf dem Bild zu sehenden Ausgaben von der französischen Autorin Colette und der mexikanischen Schriftstellerin Rosario Castellanos auch mit je einem Titel von Sylvia Plath, Clarice Lispector, Djuna Barnes, Marguerite Duras, Marieluise Fleißer und noch 15 weiteren Autorinnen, dazu noch vier Anthologien. Drei andere weiße Programme wurden außerdem noch veröffentlicht, 1984 eines für wissenschaftliche Bücher sowie 1990 und 1991 mit Büchern schweizerischer bzw. spanischer Autor*innen.
1996 startete die Reihe Romane des Jahrhunderts. Die Bücher mit matt-schwarzer Klappenbroschur, Seiten aus dickem weißen Papier und dem rein typographisch gestalteten Einband mit einfarbigen, metallisch-glänzenden, leicht eingeprägten Buchstaben machen haptisch – und im Bücherregal – wirklich was her. Die Reihe ist im wesentlichen eigentlich nur noch antiquarisch erhältlich. In dieser Ausstattung und zusätzlich mit Farbschnitt erschien vor drei Jahren aber immerhin noch einmal Ulysses von James Joyce.

Seit dem 50. Verlagsjubiläum im Jahr 2000 machte der Verlag viele Änderungen durch. 2002 starb Siegfried Unseld, es folgten turbulente Jahre, 2013 die Insolvenz. 2009 wurde der Umzug des Verlags nach Berlin beschlossen, das alte Verlagsgebäude in Frankfurt wurde 2011 abgerissen, die Villa von Siegfried Unseld 2024 verkauft. 2020 verstarb mit Raimund Fellinger der langjährige Cheflektor. Im gleichen Jahr schloss die ehemals verlagseigene Druckerei, das Druckhaus Nomos in Sinzheim. 2024 zog sich dann Ulla Unseld-Berkéwicz aus dem Verlag zurück, alleiniger Inhaber des Verlags ist seitdem Dirk Möhrle.
Der Verlag ist ein wichtiger Bestandteil des Geisteslebens in diesem Land und so wünsche ich dem Verlag alles Gute für die Zukunft und freue mich schon auf die nächsten Suhrkamp-Lektüren.
Falls ihr noch mehr über den Suhrkamp Verlag erfahren möchtet, sei hier der schöne Deutschlandfunk-Beitrag „Unter dem Regenbogen – 70 Jahre Suhrkamp – die Unseld-Jahre“ empfohlen, der 2020 zum 70. Jubiläum erschienen ist sowie „75 Jahre Suhrkamp Verlag – Bis heute unabhängiger Verleger großer Namen„ von SWR Kultur oder schaut doch gerne auf der Seite des Verlags zum 75. Jubiläum vorbei.
Zum Welttag der seelischen Gesundheit
- 10. Oktober 2019 -

Heute ist der 10. Oktober, der Welttag der seelischen Gesundheit. Aus diesem Anlass stelle ich heute mal fünf Bücher vor, die sich um psychische Krankheiten und seelisches Wohlbefinden drehen. Ich wünschte ich hätte sie alle bereits gelesen, aber Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten machen mir das Lesen in letzter Zeit schwer. Die vor ein paar Jahren noch übermächtigen Zwangsgedanken bin ich aber mittlerweile glücklicherweise weitgehend los geworden.
Kathrin Weßling – Drüberleben
Das Buch von @ohkathrina ist eine einsichtsreiche, aber schonungslose Erzählung über Ida und ihr Leben mit der Depression. Kathrins Schreibstil gefiel mir wirklich gut und so kann ich dieses Buch von ganzem Herzen jedem empfehlen, der sich mit dem Thema Depression beschäftigen möchte.
Melissa Broder – So Sad Today
Dieses u.a. von Lena Dunham gelobte Buch habe ich noch nicht gelesen, aber ich vermute mal, dass es mir gut gefallen wird.
Bruce Springsteen – Born To Run
Ungeachtet des riesigen Erfolgs und der Qualität seines Schaffens lebt Bruce Springsteen seit über 30 Jahren mit Depressionen. Über das Auf und Ab berichtet er in diesem Buch.
Maria Anna Schwarzberg (Hrsg.) – We are proud to be Sensibelchen
Dieses Buch von Maria Anna Schwarzberg und 10 weiteren Autor*innen, dass mir auch haptisch wirklich gut gefiel, ist eine Anregung für alle (hoch)sensiblen Menschen mehr Verständnis für sich selbst zu entwickeln und im Alltag in einer hektischen und lauten Welt besser mit sich umzugehen.
Bov Bjerg – Auerhaus
‚Our House‘ von Madness schallt es durch die Schüler-WG (und ein bischen auch durch das Dorf). Ein sehr musikalisches Buch, eine empathisch erzählte Geschichte rund um den an Depression erkrankten Frieder.
Die Kalimba habe ich übrigens mit auf das Bild gepackt, weil ich ihren Klang in stressigen Zeiten so beruhigend finde 🙂
Buchinformation
Kathrin Weßling – Drüberleben
ISBN: 978-3-442-15716-7
Goldmann
Melissa Broder – So Sad Today
ISBN: 978-1-911344-14-8
Scribe
Bruce Springsteen – Born to Run
ISBN: 978-1-5011-4151-5
Simon & Schuster
(das Buch gibt es auch auf Deutsch, das Hörbuch hat passenderweise Thees Uhlmann eingesprochen)
Maria Anna Schwarzberg (Hrsg.) – We are proud to be Sensibelchen
ISBN: 978-3982047201
Mimosa
Bov Bjerg – Auerhaus
ISBN: 978-3-351-05023-8
Blumenbar
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Zum 75. Geburtstag von Hermann Scheer
- 29. April 2019 -

Heute, am 29. April, wäre der Autor dieses Buches 75 Jahre alt geworden: Hermann Scheer. Von 1980 bis zu seinem Tod 2010 für die SPD Mitglied des deutschen Bundestages, war er einer der Vordenker beim Thema Erneuerbare Energien und wurde dafür 1999 mit dem Right Livelihood Award (hierzulande auch gerne als „alternativer Nobelpreis“ bezeichnet) geehrt.
Das Buch auf dem Bild, „Die Politiker“, ist 2003 erschienen – es hat aber nichts von seiner Aktualität verloren. Es geht u.a. um die falsche Ausrichtung der SPD, warum „Politiker“ fast schon ein Schimpfwort ist und warum das für eine Demokratie gefährlich ist. Er schreibt an gegen den Neoliberalismus und die Entmachtung der Parlamente durch Freihandelsabkommen – ein Problem schon in den 1990ern, weit vor TTIP und CETA.
Sein Credo:
[D]ie gewaltengeteilte Verfassungsdemokratie [ist] der größte zivilisatorische Fortschritt der Menschheitsgeschichte.
Buchinformation
Hermann Scheer, Die Politiker
ISBN: 978-3-88897-343-7
Verlag Antje Kunstmann
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Da ist ja niemand
- 6. Oktober 2018 -

Gibt es für jedes Buch den passenden Ort, um es zu lesen? Ich denke, Kathrin Weßlings Drüberleben passt sehr gut zu psychiatrischen oder psychosomatischen Kliniken. Das erste Mal las ich das Buch Anfang 2015, kurz nachdem ich vier Monate in einer solchen verbracht habe. Als nun zum zweiten Mal ein Aufenthalt anstand, las ich das Buch nocheinmal, dabei entstand auch das Foto oben. Ist es sinnvoll, darüber öffentlich im Internet zu schreiben? Hm. Aber Stigmata werden immer Stigmata bleiben, wenn niemand darüber redet. Kathrin Weßling argumentiert so auch in einem lesenswerten Artikel für Zeit Online:
Eine Welt, in der alle Menschen stets nur die Powerpoint-Präsentation ihres eigenen geilen Lebens sind, ist noch gruseliger.
(Kathrin Weßling)
Die 24-jährige Ida begibt sich auch nicht zum ersten Mal in eine psychiatrische Klinik. Nach schwieriger Schulzeit und dem Verlust ihrer besten Freundin schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch das Leben, dass sie, zumindest vor dem Klinikaufenthalt, viel aus ihrem Bett betrachtet.
Depression war nie tragbar, doch steht uns so gut
(Casper & Thees Uhlmann – XOXO)
Der Satz könnte direkt von Ida stammen, suhlt sie sich doch ziemlich in Selbstmitleid. Das ist bei Depressionen nichts ungewöhnliches, meistens merkt man es als Betroffener auch nicht und doch steht es der Genesung im Wege. Das schreibt sich in einem Blogbeitrag natürlich sehr leicht, so im Bett sitzend, aus dem ich die letzten zwei Tage kaum herausgekommen bin… Einen klaren Kopf zu bekommen ist so unbeschreiblich schwer.
Der Roman erzählt von den Tagen vor der Aufnahme, vom Alltag in der Klinik, und wirft einen Blick zurück, warum Ida so geworden ist, wie sie ist.
Kathrin Weßlings Schreibstil gefällt mir richtig gut und ihre Bilder und Vergleiche sind einfach treffend, wenn auch manchmal schmerzhaft treffend. Das Buch liefert einen guten, ungeschönten Blick auf das Thema Depression.
Abschließend noch ein wichtiger Hinweis: Bücher ersetzen auf keinen Fall eine Therapie. Wenn euch die Symptomatik bekannt vorkommt, sucht euch unbedingt professionelle Hilfe. Weitere Informationen zum Thema bekommt ihr auf den Seiten der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und in den einsichtsreichen Videos von garnichz, die mir in schlechten Zeiten gutgetan haben.
Einen Einblick in den Klinikalltag gibt es in den Videos von Die Frage:
Zu guter Letzt gibt es noch ein bisschen Musik von The War on Drugs, das auch textlich gut zu Depressionen passt:
Buchinformation
Kathrin Weßling, Drüberleben
ISBN: 978-3-442-15716-7
Goldmann
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Auf die Liebe
- 22. Juli 2018 -

Der erste Beitrag auf diesem Blog gilt dem Buch, dem ich mein Lebensmotto verdanke:
Ich lebe für die Liebe, und der Rest ergibt sich von selbst. (Marina Keegan)
Die Essays und Kurzgeschichten aus Marina Keegans „Das Gegenteil von Einsamkeit“ sind die Feier des Unperfekten, lebensbejahend und traurig-schön.
Im Essay „Selbst Artischocken haben Zweifel“ analysiert sie, warum ca. ein Viertel der Yale-Absolventen sich Consulting-Firmen oder Investmentbanken anschließen, obwohl sie sich für ihr Leben etwas schöneres wünschen, etwa ein eigenes Restaurant zu eröffnen, einen Film zu drehen, Musik zu machen oder eine Hilfsorganisation zu gründen. Der Text erinnert an Adam Brauns „The Promise of a Pencil“, welches eine ebenso inspirierende Lektüre ist. Adam erzählt von aufregenden Reisen und dem Aufbau einer nachhaltigen Hilfsorganisation; kurzum er zeigt, wie Marinas abschließenden Worte aus dem ersten Essay „Bewegen wir etwas in der Welt.“ in die Wirklichkeit umgesetzt werden können.
In „Stabilität in Bewegung“ schreibt sie über ihr Auto, das sie während ihrer Highschool-Zeit begleitete und mit ihr Höhen und Tiefen, Beziehungen und Freundschaften, Autokino-Vorführungen und ihren vor einem Vorstellungsgespräch weinenden Vater erlebte.
Das berührende „Aufs Korn genommen“ handelt von ihrer Glutenunverträglichkeit, ihrer in der Organisation von glutenfreiem Essen aufblühenden Mutter, dem Wunsch, einfach „normal“ zu sein und der Feststellung, als Mutter alles genauso zu machen.
Mit viel Empathie erzählt Marina auch ihre fiktionalen Geschichten, mit ungewöhnlichen Plots und Orten, an denen diese handeln.
„Winterferien“ zeichnet das Bild einer Familie, in der alle aneinander vorbei leben. Der Vater trinkt zu viel, die Mutter kümmert sich um den Haushalt und Kyle, einziges noch zu Hause lebende Kind, zieht sich zum WoW-Zocken viel zurück.
Der Freund der Erzählerin aus „Kalte Idylle“ ist plötzlich verstorben, die Geschichte erzählt ihre schwierige Beziehung zur ehemaligen, langjährigen Freundin ihres Freundes.
Auf dem wirklich wunderbaren YouTube-Kanal Steffis Leseleben findet ihr noch eine weitere schöne Rezension.
Buchinformation
Marina Keegan – Das Gegenteil von Einsamkeit
ISBN: 978-3-596-03242-6
FISCHER Taschenbuch
Adam Braun – The Promise of a Pencil
ISBN: 978-1-476-73063-9
Scribner
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